Donnerstag, 21. August 2014

Angst und Zweifel








Angst und Zweifel
von Erich Fried

Zweifle nicht
an dem
der dir sagt
er hat Angst

aber hab Angst
vor dem
der dir sagt
er kenne keine Zweifel

Dienstag, 19. August 2014

Sich lieben mit immer besseren Waffen




Durcheinander
Erich Fried

Sich lieben
in einer Zeit in der Menschen einander
töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen

Und wissen
das man wenig dagegen tun kann
und versuchen
nicht stumpf zu werden

Und doch
sich lieben
Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und versuchen nicht stumpf zu werden

Sich lieben
und mit der Zeit 
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen


Montag, 18. August 2014

Von Westende nach Ostende und wieder zurück

Strauch mit herzförmigen Blättern
(Tanka nach altjapanischer Art)
von Erich Fried

Sommerregen warm:
Wenn ein schwerer Tropfen fällt
bebt das ganze Blatt. 

So bebt jedes Mal mein Herz
wenn dein Name auf es fällt.





 


Donnerstag, 7. August 2014

Blick der Kreatur







Du streichelst den großen guten Hund.
Durchdringe, sprachst du, seinen Augengrund
Und deute mir die ungeheure Trauer,
Die uns umfängt mit leiderstarrter Dauer.

Wenn Engel tief in Menschenaugen schaun, -
Gab ich zur Antwort, - unter edlen Brau'n,
So werden sie bestürzt dasselbe fragen
Und weg sich wenden, weil sie's nicht ertragen.

Quelle:"F.Werfel - Gedichte aus den Jahren 1908-1945"; Fischer Verlag 1993

Mittwoch, 6. August 2014

Ich staune, daß die rote Farbe rot ist





Ich staune
Ich staune, daß die rote Farbe rot ist,
Ich staune, daß die gelbe gelb erglimmt.
Ich staune, daß, was ringsum lebt, nicht tot ist,
Und daß, was tot ist, nicht ins Leben stimmt.

Ich staune, daß der Tag alltäglich nachtet,
Wenn ihm das Licht verwest zur Dämmerung.
Ich staune, daß frühmorgens überfrachtet
Von Sonnenglück, ein neuer kommt in Schwung.

Ich staune, daß durch alle Lebenssprossen
Das Männ- und Weibliche geschieden bleibt,
Und diese Zwieheit, niemals ausgenossen,
Als Wonne unsre Herzensfluten treibt.

Mein Staunen ist kein Forschen nach dem Sinn.
Mein Staunen ist des Sinnes selbst der Sinn.
Nur durch Erstaunung werd ich meiner inne.
Ich staune, daß ich staune, daß ich bin


Quelle:"F.Werfel - Gedichte aus den Jahren 1908-1945"; Fischer Verlag 1993

Dienstag, 5. August 2014

Wer ist eigentlich Franz Werfel?


Franz Viktor Werfel 
(* 10. September 1890 in PragÖsterreich-Ungarn; † 26. August 1945 in Beverly HillsKalifornienVereinigte Staaten) war ein österreichischer Schriftsteller jüdischer Herkunft mit deutschböhmischen Wurzeln, der aufgrund der nationalsozialistischen Herrschaft ins Exil ging und 1941 US-amerikanischer Staatsbürger wurde. Er war ein Wortführer des lyrischen Expressionismus. In den 1920er und 1930er Jahren waren seine Bücher Bestseller. Seine Popularität beruht vor allem auf seinen erzählenden Werken und Theaterstücken, über die aber Werfel selbst seine Lyrik setzte. Mit seinem Roman Verdi. Roman der Oper (1924) wurde Werfel zu einem Protagonisten der Verdi-Renaissance inDeutschland. Besonders bekannt wurden sein zweibändiger historischer Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh 1933/47 und das Das Lied von Bernadette aus dem Jahr 1941.


Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Werfel

Montag, 4. August 2014

Wo kommt meine Liebe her?... Tag Eins der Franz Werfel Woche.




Wo kommt meine Liebe her?
Wo denn wogt das unsichtbare Meer,
Draus sich alle Tränenquellen sammeln?
Wolken wandern. Erst Tropfen stammeln,
Hochgeheime Regen niederfahren,
Und das innere Fließen schwindet nie...
Kreislauf, heiliger, der Sympathie,
Sei gesegnet, der du Leben schenkst,
Die Vertrockneten mit Tränen tränkst,
Und den Durst uns stillst, den einzig unstillbaren!

Quelle:"F.Werfel - Gedichte aus den Jahren 1908-1945"; Fischer Verlag 1993

Samstag, 2. August 2014

Traumwald



Heut Nacht durchschritt ich einen Wald im Traum
Er war voll Grauen Nach dem Alphabet
Mit leeren Augen die kein Blick versteht
Standen die Tiere zwischen Baum und Baum
Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier
Der Fichten mit entgegen durch den Schnee
Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh
Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier
Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt
Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt
Die letzte Tagesspur ein goldner Strich
Hinter dem Traumwald der zum Sterben winkt
Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich
Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich.

1994
Quelle: Heiner Müller "Werke 1 / Die Gedichte"; Suhrkamp Verlag

Freitag, 1. August 2014

Das Glück der Angst









für Anna
22.10.1993


Manchmal zwischen Nacht und Morgen
Seh ich Hunde dich umkreisen
Hunde mit gebleckten Zähnen
Und du greifst nach ihren Pfoten
Und du lachst in ihre Zähne
Und ich wache auf mit Angstschweiß
Und ich weiß das ich dich Liebe


Quelle: Heiner Müller "Werke 1 / Die Gedichte"; Suhrkamp Verlag